Berlin-Film-Katalog (in Vorbereitung)

Rarität des Monats Dezember 2016

Die Auswahl an Berlin-Filmen, die in den Kinos wie im Fernsehen läuft, wird immer kleiner. Das Filmbild der Stadt wird dementsprechend von immer weniger Werken geprägt. Und immer mehr Berlin-Filme, darunter auch bedeutende, geraten in Vergessenheit.

Deshalb und um zu zeigen, daß Berlin-Film-Katalog nicht nur auf Geld wartet, gibt es den Jour fixe des selten gezeigten Berlin-Films: Seit Juni 2012 wird jeweils am zweiten Montag im Monat im Brotfabrikkino eine Berlin-Film-Rarität präsentiert.

Vom 9.-14. Dezember 2016 um 18 Uhr läuft

 

Make Love Not War
Die Liebesgeschichte unserer Zeit

BRD 1967/1968 – 82 Min. (2257 m) – 35 mm (1:1,37) – Schwarzweiß
Regie: Werner Klett. Buch: Günter Adrian nach seinem Roman „Die Flinte im Korn“. Kamera: Perikles Papadopoulos. Kameraassistent: Jobst H. Kramer. Regieassistenten: Horst Rometsch, Ulf Miehe. Schnitt: Marina Mey. Leitthema „Make Love Not War“: Fred Gordoni. Elektronische Kompositionen: Oskar Sala. Schlagzeugsoli: Gibson Kemp. Bauten: Johannes Jankowski. Masken, Kostüme: Rosemarie Kanzow.
Darsteller: Gibson Kemp, Claudia Bremer, Heinz-Karl Diesing, Joachim Pukaß, Joachim Nottke, Oskar Sala, Ulf Miehe, Elfriede Gonnermann, Renate Heuer, Larry Montague, Maximilian Voormann, Hansfriedrich Ewert und viele andere.
Produktion: Werner Klett Filmproduktion. Coproduzent: Günter Adrian. Gesamtleitung: Werner Klett.

Erstverleih: Eckelkamp.

Uraufführung: 27. März 1968.

 

Nachdem er jahrelang künstlerisch wie kommerziell erfolgreich Kurzfilme produziert hatte, wandte sich der Berliner Werner Klett (1928-2010) 1967 an seine erste abendfüllende Arbeit. Stilistisch entstand ein für die „Jungfilmer“ der Sixties typisches Werk mit klarem Zeit- und Ortsbezug, gedreht mit relativ wenig Aufwand, unter Einbeziehung dokumentarischer Elemente und statt in einem Atelier in den Straßen, echten Räumen und nicht zuletzt Kletts Steglitzer Haus als Hauptschauplatz: Als seine Einheit nach Vietnam verlegt wird, desertiert ein bisher in West-Berlin stationierter US-Soldat. Doch der Freund, bei dem er Zuflucht sucht, ist verreist. Dessen kleine Schwester, gerade aus Bielefeld angekommen, hütet die Villa, die auch als Atelier für Trick- und Werbefilme dient. Die junge Frau nimmt den G.I. auf, und natürlich kommen sich die beiden bald näher.

„Der sicher etwas merkwürdige Untertitel DIE LIEBESGESCHICHTE UNSERER ZEIT geht an die Adresse derjenigen, die nicht Englisch verstehen, dafür umso besser die Sprache von HEIM UND WELT. Die haben unsere Lektion am nötigsten“, erklärte der Drehbuchautor, der mit Werner Klett befreundete Günter Adrian.

Der Versuch, das damals heftig diskutierte Thema „Vietnam“ aus der ganz privaten Perspektive zweier junger Menschen zu behandeln, wurde – wie es angesichts der allseits zunehmend radikalisierten Stimmung kaum anders hätte sein können – von vielen Kritikern rundweg abgelehnt. Der ohne Förderung produzierte Film entwickelte sich zum Verlustgeschäft und geriet rasch in Vergessenheit. Fast fünfzig Jahre später ist er nicht nur als Ausgrabung von Interesse, sondern auch als authentisches Dokument seiner Zeit, das heute natürlich einen gewissen nostalgischen Glanz besitzt. Und wegen der Beteiligung des Elektronikmusikpioniers Oskar Sala, mit dem Klett häufig zusammenarbeitete, und der hier nicht nur an seinem Trautonium zu sehen und zu hören ist, sondern auch in einer kleinen Rolle. Eine solche übernahm auch der Schriftsteller und spätere Filmemacher Ulf Miehe, der bei diesem Film vor allem als Regieassistent fungierte. Gibson Kemp, der männliche Hauptdarsteller, kam aus Liverpool und ehelichte 1967 die legendäre Beatles-Photographin Astrid Kirchherr. Claudia Bremer erhielt die weibliche Hauptrolle durch ihre Darstellung der Tulla Pokriefke in Hansjürgen Pohlands „Katz und Maus“.

Als Vorfilm zeigen wir einen weiteren kleinen Ausschnitt aus Werner Kletts ebenso umfangreichem wie vielseitigem Schaffen: Berlin Klammer auf Ost Klammer zu (BRD 1966 – 10 Min. – Schwarzweiß – Regie, Buch: Werner Klett, Fritz Illing), 1966 entstandene Impressionen aus dem Ostteil der Stadt, in den West-Berliner von 1961 bis 1972 nur in Ausnahmefällen „einreisen“ durften, ohne verbalen Kommentar: Museumsinsel, Gendarmenmarkt, Unter den Linden, Marx-Engels-Platz, Alex, ein Bildhaueratelier, Hans-Loch-Viertel, Friedrichsgracht, Fischerkiez, Spandauer Vorstadt, Ackerhalle, Vorfahrt von Honoratioren.

Auf DVD oder Blu-ray ist „Make Love Not War“ noch nicht verfügbar.

 

Unser Flyer zu dieser Rarität. Sie dürfen ihn gern herunterladen, ausdrucken, verteilen oder einrahmen und an die Wand hängen.

 

Claudia Bremer mit (von oben nach unten) Oskar Sala, Gibson Kemp, Ulf Miehe.

 

Presseinformation des Eckelkamp-Verleihs (1968)

MAKE LOVE NOT WAR

I n h a I t : Brian Harris (Gibson Kemp) ist GI in Berlin. Er hat nichts dagegen, sein Land zu verteidigen. Ein normaler junger Mann, kein Grübler, aber auch nicht oberflächlich.

Als seine Einheit nach Vietnam verlegt werden soll, wird er unsicher. Er möchte verstehen, wofür er seinen Kopf riskieren soll. Sein deutscher Freund Adam Kießlich, dessen Rat er sucht, ist für längere Zeit verreist. Brian trifft nur Eva an, die Schwester des Freundes. Doch sie will er mit seinem Problem nicht behelligen.

Eva Kießlich (Claudia Bremer) scheint tatsächlich keine Partnerin für ein ernstes Gespräch zu sein. Aber sie hat ein Herz und das am richtigen Fleck. Als Brian sie schließlich bittet, ihn zu verstecken (wenigstens so lange bis ihr Bruder wieder zurück ist), zögert sie nicht. „Was ihm bevorstand, weiss man doch“, sagt sie später. „Ich habe ihn aufgenommen, weil ich das richtig fand.“

Eva hat zunächst nicht einmal Zeit, Brian richtig kennenzulernen. Denn Herr Polzin (Heinz-Karl Diesing) bestimmt ihren Tageslauf. Zuhause in Bielefeld hatte Eva Schwierigkeiten mit der Schule. Sie ist erst kurze Zeit in Berlin und soll in der Firma ihres Bruders das Filmhandwerk lernen. Herr Polzin, der Geschäftsführer, läßt sie Scheinwerfer schleppen und Kabel legen. Viel Spaß macht das nicht, obendrein wo es gerade um einen stumpfsinnigen Reklamefilm für Kaffeebohnen geht.

Brian und Eva, kommen sich erst näher als sie auf dem Dachboden ein Versteck einrichten. Hier sprechen sie über ihre Zukunft, machen Pläne. Und irgendwann merken sie, daß es gemeinsame Pläne sind. Eva sucht im Telefonbuch nach einem neuen Namen für Brian, sie verbrennt seine Uniform, übt deutsche Manieren mit ihm. „Wir waren intim seit der ersten Minute“, sagt sie bei ihrer Vernehmung durch die Militärpolizei. So sieht sie es rückschauend.

Eva entschließt sich, das Abenteuer zu geniessen. Von dem Nest unterm Dach weiß sonst niemand, weder Polzin noch die Putzfrau, auch der wohlmeinende Onkel nicht. Verlassen die beiden das Haus, fühlt sie sich als Partisanin – oder Gangsterbraut: Sie steht Schmiere, kundschaftet, sichert. Geheimnis und Bedrohung schmecken ihr. Und auch dies: Wohl hat Brian ihr den ersten Kuss gegeben, aber die erste Nacht hat sie sich genommen. Es war nicht Papas Liebe, Overtüre und Oper, sondern alles auf einmal und immerzu.

Auch Brian genießt es, nur nicht so gelassen. Eines Morgens überfliegt ein Armee-Hubschrauber den alten Garten hinterm Haus, so niedrig, daß der Pilot nach den Baumwipfeln greifen könnte. Da verliert Brian fast die Nerven.

Alle Versuche Evas, Beistand zu finden bei Älteren, schlagen fehl. Sie spürt Brians Unruhe und bemüht sich, ihn abzulenken. Doch nun steht unvorhergesehen Arno (Joachim Pukaß) vor der Tür, Evas – sozusagen – Verlobter aus Bielefeld. Brian muss lange Zeit allein bleiben in seiner Dachkammer. Schließlich hält er es nicht mehr aus, als Eva – ohne Arno – zurückkommt, ist er verschwunden.

Ein amerikanischer Deserteur riskiert gar nicht allzuviel. Kehrt er innerhalb eines Monats freiwillig in seine Kaserne zurück, stehen ihm höchstens ein paar Wochen Gefängnis bevor. In der Tat hat Brian mit dieser Möglichkeit gespielt, aber abends ist er wieder bei Eva. Und jetzt prallen im Gespräch die unterschiedlichen Standpunkte schroff aufeinander: Evas unreife Abenteuerlust und die nüchterne, kalkulierende Art Brians. Das Ergebnis ist ein verstauchtes Bein, ein Arztbesuch unter unwürdigen Umständen und für Eva die Erkenntnis, daß es eine todernste Sache ist, auf die sie sich eingelassen hat.

Irgendwie hat ein englischer Reporter Wind gekriegt von dem Mädchen und ihrem Deserteur. Er sagt es beiden hart ins Gesicht: „Wie lange wollt ihr hier warten? Bis die Leiche von Präsident Johnson von seinem Fahrer mit Benzin übergossen wird in den Ruinen des Weissen Hauses?“ Er droht, indem er Versprechungen macht. Jetzt verliert Eva die Nerven. Sie informiert Polzin, will Brian ausquartieren, seine Spur verwischen. – Daß an diesem Abend ein Taximörder in Uniform gesucht wird, ist Zufall. Daß Polzin sogleich Evas Schützling verdächtigt, liegt nahe (wenn man gehört hat, wie er über das Mädchen denkt). Kein Zufall ist es, daß Brian flieht, als die Militärpolizei – auf falscher Fährte – ins Zimmer stürmt. Denn wer als Hase lebt, muß Haken schlagen, auch dort, wo es gar nicht nötig wäre. Draußen in der Dunkelheit wird Brian erschossen. – Eva kann es erst später formulieren: „Er wollte nicht töten, das wollte er sich von keinem befehlen lassen. Und wenn sie das für krank halten, bitte, dann war er krank. Dann bin ich’s auch, dann sind das viele…“

 

MAKE LOVE NOT WAR
Der neue deutsche Spielfilm mit dem englischen Titel
Das Debüt des Regisseurs Werner Klett

In Berlin spielt ein neuer deutscher Film, der bald in die Kinos kommt. Allerdings nicht im Berlin der bunten Postkarten, auch nicht vor der grauen Mauer, denn diese Geschichte hätte in vielen anderen Städten ebenso geschehen können: Ein GI, ein amerikanischer Soldat, desertiert, als seine Einheit nach Vietnam verlegt wird. Ein deutsches Mädchen versteckt ihn, liebt ihn – und muss am Ende zusehen, wie er einer sinnlosen Verwechslung zum Opfer fällt.

Liebhaber schablonierter Weltanschauung freilich werden kaum auf ihre Kosten kommen, denn „Make Love Not War“ ist kein vordergründig politischer Film. Dem Deserteur, der Hauptfigur der Handlung, hängen nirgends Spruchbänder aus dem Mund. Was man verbindlich erfährt, ist nur, daß er Angst hat, daß er sich verkriechen will vor seiner blutigen Zukunft; Angst um die eigene Haut, aber auch Angst, sich die Hände schmutzig zu machen für eine Sache, die es vielleicht gar nicht wert ist. Der junge Amerikaner tut das, was die meisten Menschen in seiner Lage tun würden: Er tut nichts, er wartet ab.

Eva, das Mädchen, das ihn versteckt und das seine Geliebte wird, spielt daran gemessen die aktivere Rolle. Für sie, die nur aus dem Gefühl, aus dem Augenblick heraus handelt, ist es zunächst ein Abenteuer: Ein fremder, geliebter Mann, von dem niemand wissen darf. Sie fühlt sich als Komplicin, als Partisanin und Gangsterbraut – Geheimnis und Bedrohung schmecken ihr. Claudia Bremer, die man schon mehrfach im jungen deutschen Kino sah, allerdings ohne daß sie dem Beschauer sonderlich haften geblieben wäre, ist die Überraschung des Films. Sie spielt dieses Mädchen Eva so natürlich und glaubhaft, daß man ihr eine große Zukunft auf der Leinwand prophezeien möchte. Es gelingt ihr, den Typ dieser modernen Pop-Wesen zwischen Gelassenheit und Ekstase bis zur Klischeefigur herauszuarbeiten – und hierbei dennoch eine erstaunliche Dosis Individualität sichtbar zu machen. Wo das Mädchen in seiner unreifen Abenteuerlust spürt, daß es eine todernste Sache ist, auf die sie sich eingelassen hat, liefert Claudia Bremer geradezu ein Psychogramm ihrer Generation: Jene Melange aus Tristesse und Faxen, Fatalismus und Ungeduld, die nie aufgehen kann und dennoch lebbar ist.

Gibson Kemp, der Darsteller des Vietnam-Deserteurs, kommt ohnehin aus einer Welt, in der sich diese Generationsstimmung am farbigsten artikuliert. Der Regisseur Werner Klett entdeckte ihn erst kurz vor Drehbeginn in einem Hamburger Beatlokal am Schlagzeug ohne zunächst zu wissen, welchen Griff er getan hatte. Gibson ist Engländer, geboren in Liverpool wie die Beatles. Und tatsächlich war er vor sechs Jahren als Fünfzehnjähriger so etwas wie der Benjamin dieser Gruppe. Er war den Beatles, die damals noch keine Pilzköpfe trugen, nach Hamburg gefolgt und wohnte zusammen mit George Harrison bei einer jungen Fotografin in Untermiete. Diese einfallsreiche Dame, Astrid Kirchherr, ist heute Gibsons Ehefrau. Sie darf sich rühmen, eine Weltmode erfunden zu haben: Damals überredete sie George, Ringo, Paul und John zu jener Haartracht, die mittlerweile bis hin zu Rudi Dutschke das Merkmal einer ganzen Lebenshaltung geworden ist.

Wer wie Gibson Kemp von der ersten Stunde an dabei war, mitgeformt hat an dieser neuen Welt, bringt in jeder Geste etwas davon zum Ausdruck. Gibson ist kein trainierter Schauspieler, das spürt man gelegentlich. Doch es stört nie dank der behutsamen und zugleich gerissenen Regie. Werner Klett kommt vom Dokumentarfilm, die Errungenschaften des cinéma vérité münzt er geschickt in dramaturgische Kunstmittel um.

Es sind stets nur kurze Sequenzen, in denen er seine Darsteller agieren läßt. Oft wird in einer Szene nur ein einziger Satz gesprochen. Aber die dramaturgischen Nachteile, die sich hieraus ergeben könnten, fängt die Kamera von Perikles Papadopoulos hervorragend ab – vielmehr, die ganze Konzeption des Films ist auf ein solches Zusammenspiel abgestellt. Der junge griechische Kameramann benutzt das Stativ nur selten. So kann er hart an den Schauspielern bleiben, kann sich mit ihnen bewegen und zügig schwenken, wo es erforderlich wird. Dies geschieht freilich nie so enthemmt und ärgerlich wie in einigen anderen Beiträgen des jungen Kinos. „Make Love Not War“ ist durchweg ein disziplinierter Film. Papadopoulos hat vor allem die Schärfentiefe als Gestaltungsmittel wiederentdeckt. Seine Optik bringt nur das jeweils Wesentliche gestochen ins Bild – vor einem Hintergrund, der bis zur Nebensächlichkeit verschwimmen kann. Da auch die knappen Dialoge immer nur Konturen zeichnen, entsteht so die Filmstory nur nach und nach. Erst am Schluß hat der Beschauer die Handlung sicher im Griff.

Wenn man so will, ist „Make Love Not War“ eine konservative Liebesgeschichte BOY MEETS GIRL, die einen Anfang hat und einen dramatischen Schluß – eine Liebesgeschichte in widriger Umwelt.

Ebenso wie am Anfang eine plakative politische Stellungnahme fortbleibt, fehlt am Schluß die Polemik. Das macht diesen Film geschlossen, stilistisch einheitlich, zu einem „filmischen“ Film, der sich nicht als Vehikel kurzlebiger Argitation hergibt.

Zu einem Zeitpunkt, wo die übrigen deutschen Jungfilmer unisono auf die Sexwelle setzen – die einsame Rehabilitierung des engagierten Films in diesem Land.

Konrad Bartel

 

MAKE LOVE NOT WAR – wörtlich genommen
Ein neuer deutscher Film über ein heisses Thema.

Nun gibt es auch einen Spielfilm zum Thema Vietnamkrieg. Und er kommt aus Westdeutschland, aus West-Berlin sogar, wo man das Engagement der Amerikaner in Ostasien zwar auch nicht gern sieht, aber eben doch mit anderen Augen.

In der Stadt, in der sich zur Zeit Demonstrationen und Gegendemonstrationen zu überschreien versuchen, drehte Werner Klett seinen ersten Spielfilm MAKE LOVE NOT WAR zusammen mit Günter Adrian. Beide, Regisseur und Autor, haben den letzten Weltkrieg noch bewusst miterlebt. Sie sind also nicht mehr ganz das, was man heute „Jungfilmer“ nennt. Aber warum haben sich die geborenen Jungfilmer nicht an dieses brennende Thema ihrer Generation herangewagt?

Vielleicht muss man nicht nur entbrannt sein, sondern wirklich ein gebranntes Kind des Krieges, will man die neunzig Minuten eines Spielfilms mit mehr füllen als zornigem Protest. Werner Klett tut das, indem er in MAKE LOVE NOT WAR eine Liebesgeschichte unserer Zeit erzählt.

Brian, ein amerikanischer Soldat, desertiert einen Tag bevor seine Einheit nach Vietnam verlegt wird. Das Mädchen Eva versteckt ihn, liebt ihn und muss doch am Ende zusehen, wie er als Folge einer Verwechslung erschossen wird.

Obwohl man es bei diesem Thema fast erwartet, werden keine dokumentarischen Szenen aus Vietnam eingeblendet, ja, direkt wird von Vietnam kaum gesprochen. Dafür steht es dann die ganze Zeit umso bedrohlicher zwischen den Zeilen, zwischen den Bildern, zwischen dem Soldaten und dem Mädchen, zwischen ihrer sympathischen Liebe, die entbrennt und verbrennt – an Vietnam.

Mit dieser zurückhaltenden Methode ist es dem Regisseur gelungen, seinen zeitkritischen Film auch für breitere Besucherschichten attraktiv zu machen. Klett zeigt auf der Leinwand genau das Gegenteil von dem, was Rudi Dutschke auf den Straßen inszeniert. MAKE LOVE NOT WAR wird hier einfach nur wörtlich genommen: Liebt euch lieber statt Krieg zu führen.

Werner Kletts Debütfilm erhielt von der Filmbewertungsstelle der Länder das Prädikat WERTVOLL und fand auf Anhieb einen Verleiher, obwohl er ohne vorherige Absprache im Alleingang produziert wurde; zur Zeit wohl der einzige Beitrag des jungen deutschen Kinos, der nicht auf der Sexwelle schwimmt.

Siegfried Erlanger

 

MAKE LOVE NOT WAR „Zettelkasten”

+ Eine eher konservative Liebesgeschichte, weil sie Anfang und Schluss hat. Stets nur kurze Sequenzen, in mancher Szene nur ein Satz. Dabei allerdings feinkalkulierte Ökonomie: Wie auch die Kamera häufig nur Konturen zeichnet (Schärfentiefe als bevorzugtes Gestaltungsmittel), entsteht die Story erst nach und nach.

+ Autor und Coproduzent Günter Adrian (100 Kurzfilme als Autor, Kinderbücher, 3 Jahre Werbeleiter bei Bertelsmann): „Der sicher etwas merkwürdige Untertitel DIE LIEBESGESCHICHTE UNSERER ZEIT geht an die Adresse derjenigen, die nicht Englisch verstehen, dafür umso besser die Sprache von HEIM UND WELT. Die haben unsere Lektion am nötigsten“.

+ Keine Neufilm-Mätzchen: Zeitabfolge eingehalten, weder Rückblenden noch Träume. Ausnahme: Vernehmung des Mädchens – offenbar durch die Militärpolizei – post festum als „Kommentar“ ohne direkten Bildbezug intermittierend. Sonst werden alle Abirrungen, Einschnitte gleich wieder logisch einbezogen.

+ Regisseur Werner Klett, über 60 Kurzspiel-, Dokumentar- und Fernsehfilme als Autor, Regisseur und Produzent, Bundesfilmprämien, halbes Schock Prädikat WERTVOLL. Nächstes Projekt schon in Arbeit, Titel „Die Miesmacher“, grob gesagt HITLERJUNGE QUEX im Gewand von 1968.

+ Kameramann Perikles Papadopoulos. Grieche, der nicht nach Hause kann. MAKE LOVE NOT WAR ist auch sein erster langer Spielfilm.

+ Gibson Kemp, Darsteller des Deserteurs. Einer der besten Schlagzeuger der Beatepoche, sagen einhellig die Beatfachleute. Geb. 1946 in Liverpool. Benjamin der Original-Beatles in deren Hamburger Hungerjahren, verheiratet mit der Beatle-Muse Astrid Kirchherr (Erfinderin des Beatle-Pilzkopfs ! ). Viele Schallplatten, eigene Band, Teenager-Idol („Even the bad times are good“).

+ Claudia Bremer, das Mädchen, das den Deserteur versteckt. Geb. in Potsdam, studiert Theaterwissenschaft (Hauptfach Germanistik) in Dahlem. Schon mehrmals im Jungen Deutschen Kino: Bei Lilienthal, Pohland, Moorse. Drei Rollenangebote nach MAKE LOVE NOT WAR.

+ Musikbearbeitung durch Oskar Sala, der auch in Person mitspielt. Unterschwellige elektronische Einstimmungen, neuer Typ Filmmusik.

+ Film aus Berlin ohne Postkartenkulissen, dafür Blitzlichter aus der politischen Wirklichkeit der Stadt: Studenten, Polizei … Bestandteile der Handlung.

+ Keine schablonierte Weltanschauung – kein Plakat am Anfang, keine Polemik am Schluss, jedoch klares Nein zum Krieg. Autor Adrian: „Dass unser Deserteur kein Wort der Motivation verliert, dass er nirgendwo schlechtes Gewissen zeigt, sollte als Programm verstanden werden. Über die Berechtigung von Kriegen diskutiert unser Held nicht einmal. Diese Haltung ist erlernbar und damit wert, exemplifiziert zu werden“.

 

Werner Klett – Zur Person

1928 wird Werner Klett geboren in Berlin, wo er praktisch sein ganzes Leben verbringen wird.

Er wächst in Südende auf, wo sein Vater Fritz Klett einen kleinen technischen Fachverlag besitzt.

1947-49 studiert Klett in Dillingen katholische Theologie – obwohl er gar nicht katholisch ist: Es geht ihm vor allem darum, erst einmal eine Hochschulausbildung beginnen zu können. 1949-53 folgt ein Studium der Germanistik und der Geschichte in Erlangen. Dort lernt er bei einem Studentenkabarett Günter Adrian kennen.

Ab 1953 arbeitet Klett im Verlagswesen, 1959 beginnt er (zunächst kurze) Filme zu machen, häufig in Zusammenarbeit mit Fritz Illing. Von je her technikbegeistert, nimmt dieses Themengebiet auch in seinem Filmschaffen größeren Raum ein, recht häufig bedient er sich auch eines Tricktisches, gestaltet Animationen und Photofilme. Allerdings ist das Hauptkennzeichen von Werner Kletts Filmschaffen seine thematische wie stilistische Vielfalt: Zeichentrick, Dokumentationen und deren Persiflage (also „Mockumentaries“, wie man heute sagt), Arbeit mit Found Footage und kurze Spielfilme entstehen in schneller Folge. Teils werden die gleichen Aufnahmen auch in mehreren Werken verwendet. Wegen der Unübersichtlichkeit von Werner Kletts Filmschaffen befindet sich eine vollständige Filmographie derzeit noch in Arbeit.

1967 macht sich Werner Klett an sein erstes abendfüllendes Werk, den Spielfilm „Make Love Not War – Die Liebesgeschichte unserer Zeit“. Drehbuch: Günter Adrian. Drehort und Schauplatz ist West-Berlin, allen voran Kletts eigenes Haus in Steglitz, wo sein Tricktisch steht und auch schon diverse Kurzfilme gedreht wurden. Eine Nebenrolle spielt der Komponist und Musiker Oskar Sala, ein Pionier der elektronischen Musik, der in den sechziger Jahren auch zu vielen von Kletts Kurzfilmen die Musik bzw. Geräusche beigesteuert hat. Der auf eigenes Risiko produzierte Film wird kein Erfolg und für Werner Klett ein Verlustgeschäft.

Anfang der 70er Jahre kann Klett durch eine Drehbuchprämie des Bundes einen weiteren abendfüllenden Spielfilm realisieren: „Die Werwölfe“.

Nachdem auch dieses autobiographisch inspirierte Werk weder bei Kritikern noch an der Kasse Anklang findet, wendet sich Werner Klett zunächst anderen Schaffensfeldern zu.

Erst Ende der 70er Jahre kann Fritz Illing ihn noch einmal zur Mitarbeit an einigen Kurzfilmen animieren. „Der grüne Max“ läuft 1982, „Ein fauler Bauer“ 1983 im Wettbewerb der Berlinale.

Mitte der 80er Jahre beendet Werner Klett sein Filmschaffen dann endgültig und engagiert sich unter anderem im Kulturleben von Gevensleben im Landkreis Helmstedt, wo er den Jerxheimer Kunstverein gründet und leitet.

2010 stirbt Werner Klett in Berlin.

J.G.

 

 

Quellen der filmographischen Angaben: Filmlänge in Metern: Presseinformation des Eckelkamp-Verleihs. Filmformat, Datum der Uraufführung: http://www.filmportal.de/film/make-love-not-war-die-liebesgeschichte-unserer-zeit_9bc9e5e882f44868b14a3ba542988bea (besucht am 15.11.2016). Alle anderen Angaben: Presseinformation des Eckelkamp-Verleihs und Originalvorspann.

Bilder: Werner Klett Filmproduktion/Eckelkamp-Verleih.